Zukunftsfähig durch Resilienz-Steigerung: Zwei Innovationsexpeditionen für Pilotinnen und Piloten
Im Juli 2025 führte armasuisse Wissenschaft und Technologie (W+T) im Rahmen der Innovationsräume VBS zusammen mit dem Fliegerärztlichen Institut der Schweizer Luftwaffe zwei Innovationsexpeditionen durch. Im Mittelpunkt beider Expeditionen stand, die Resilienz sowie die operative Leistungsfähigkeit der Pilotinnen und Piloten zu stärken. Im Rahmen dieser aktuellen Wissenschaft und Technologie-Innovationsexpeditionen werden gezielt neue Wege erprobt, um die kognitive und körperliche Belastbarkeit von Pilotinnen und Piloten nachhaltig zu verbessern.
Jens Rehanek, Forschung und Innovation, armasuisse Wissenschaft und Technologie

In Kürze:
Die Innovationsräume VBS von armasuisse Wissenschaft und Technologie (W+T) sind Instrumente, um Lösungen für bestehende Herausforderungen im VBS zu finden. Dazu zählen unter anderem, erste Massnahmen zur Bewältigung der stetig wachsenden körperlichen sowie kognitiven Resilienz-Anforderungen an das fliegende Personalsicherzustellen. Folglich wurden im Rahmen der Innovationsräume VBS gemeinsam mit dem Fliegerärztlichen Institut (FAI) der Schweizer Luftwaffe zwei Innovationsexpeditionen entwickelt. Erste Erkenntnisse aus den beiden Expeditionen verdeutlichen, wie die konkrete Anwendung neuer Technologien zur Resilienz-Steigerung der Pilotinnen und Piloten beitragen kann.
In einem zunehmend technologisierten und dynamischen Einsatzfeld steht die kognitive und physische Resilienz von Pilotinnen und Piloten im Zentrum ihrer Einsatzfähigkeit. Im Rahmen der Innovationsräume VBS werden derzeit zwei ausgewählte Innovationsexpeditionen verfolgt, die auf eine deutliche Steigerung dieser Resilienz abzielen – sowohl im kognitiven als auch im physisch-sensorischen Bereich. Beide Projekte adressieren konkrete, bestehende Herausforderungen im Ausbildungs- und Einsatzalltag der Luftwaffe.
NeuroVision: Kognitive Leistungsoptimierung in Echtzeit
Die Expedition NeuroVision widmet sich der gestiegenen kognitiven Belastung des fliegenden Personals durch hochkomplexe Systeme. Es untersucht den Einsatz visueller und mentaler Trainingsmethoden zur Förderung von Konzentration, räumlichem Erfassen und Entscheidungsfähigkeit unter Stress. Ziel ist es, individuelle kognitive Muster, Sehschwächen (die auch die Informationsverarbeitung beeinträchtigen oder verzögern können) zu erkennen und durch gezieltes Training zu stärken – etwa für Szenarien mit hoher mentaler Beanspruchung oder nach längeren Pausen im Flugbetrieb. So sollen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Entscheidungsfähigkeit in Stresssituationen aufrechterhalten und verbessert werden. Gestützt auf Neurotracker-Technologie wird die visuelle Reaktionsgeschwindigkeit der Pilotinnen und Piloten erfasst und trainiert. Erste Tests zeigen: Schon einzelne Übungsrunden können die Konzentration, die visuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Entscheidungsqualität der Probanden messbar verbessern.
Insbesondere die Ausbilder, die Jetpiloten und die Unmanned Aerial Vehicle (UAV)-Operatoren profitieren von dieser Lösung. Ein Einsatz dieser Trainingsmethode in der Ausbildung und der Simulation würde zudem eine flexible Integration auch bei geringer Flugzeit erlauben. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dieser Expedition sind mittelfristig auch auf andere sicherheitskritische Tätigkeiten übertragbar.
ROTUNDUM: Vestibulärtraining gegen Orientierungsverlust
Im Fokus der zweiten Expedition steht ein häufig unterschätztes Risiko: der Verlust der räumlichen Orientierung (Spatial Disorientation) – eine der Hauptursachen flugbedingter Unfälle weltweit. Diese Expedition zielt auf die gezielte Reaktivierung und Stabilisierung des Gleichgewichtsorgans durch rotatorische Reize, welche nicht simuliert, sondern nur physisch exponiert werden können. Diese Rotation kann in der Informationsverarbeitung zu einem Problem führen und die Spatial Disorientation induzieren oder zur Folge haben. Durch eine spezifische Nachbearbeitung des vestibulären Inputs, mithilfe eines Virtual Reality (VR)-basierten Trainingssystems und basierend auf einem speziell entwickelten Algorithmus, wird das Gleichgewichtssystem nicht nur aktiviert, sondern gezielt trainiert – mit dem Ziel, Spatial Disorientation vorzubeugen und die sensorische Stabilität in komplexen Fluglagen zu verbessern. Mit dem ROTUNDUM F35-Experiment stand erstmals ein mobiles, realistisches Vestibulärsimulationsgerät zur Verfügung, dass gezielt unter kontrollierten Bedingungen Schwindel, Orientierungsstörungen und andere sensorische Fehlwahrnehmungen auslöst.
Hierbei war es die Absicht, die Pilotinnen und Piloten in einem sicheren Trainingsumfeld auf genau jene Desorientierungsszenarien vorzubereiten, die in der Praxis oft lebensgefährlich sein können. In Zusammenarbeit mit dem Fliegerärztlichen Institut (FAI) wird das Gerät für die Ausbildung, die Forschung und das Auswahlverfahren evaluiert. Die ersten Rückmeldungen zeigen auf: ROTUNDUM wird voraussichtlich eine kritische Lücke im bisherigen Trainingsspektrum schliessen können.
Fazit und Ausblick
Beide Expeditionen belegen eindrucksvoll, wie neue Technologien gezielt genutzt werden können, um die operative Leistungsfähigkeit und Resilienz der Pilotinnen und Piloten zu sichern – individuell, datenbasiert und adaptiv. Die Kombination aus digitalen, physiologischen und sensorischen Trainingsmethoden setzt neue Standards in der modernen Einsatzvorbereitung. Beide Ansätze ergänzen sich und eröffnen neuartige Trainingsformen zur Erhöhung der Einsatzsicherheit in kritischen Flugsituationen.
Durch den kontinuierlichen Austausch mit der Forschung, der Industrie und den Endanwendern tragen diese Projekte dazu bei, den Faktor Mensch in der aktuellen Technologieentwicklung nicht ausseracht zu lassen, um so die langfristige Leistungsfähigkeit der Pilotinnen und Piloten zu gewährleisten.
Interessierte erhalten die Möglichkeit, im Rahmen der Deftech-Days vom 03. September 2025 einen tieferen Einblick in beide Innovationexpeditionen zu gewinnen - über die Hintergründe der Expeditionen bis hin zur Präsentation der ersten Ergebnisse.




