Multispektrale Tarnanzüge – wie Angehörige der Armee unsichtbar werden
Was auf den ersten Blick an «Wo ist Walter?» erinnert, ist im Einsatz weit mehr als ein Versteckspiel. Hier geht es ums Überleben: Wer entdeckt wird, ist in Gefahr. Doch visuelle Tarnung allein reicht heute nicht mehr. Moderne Aufklärungssensoren erkennen auch Signaturen, die für das menschliche Auge unsichtbar bleiben. Hier kommen multispektrale Tarnanzüge ins Spiel. Sie tarnen Soldatinnen und Soldaten nicht nur vor dem menschlichen Auge, sondern erschweren auch ihre Erkennung durch technische Sensoren im Infrarotbereich.
Lucia Egger, Fachbereich Kommunikation, Strategischer Stab
Im Rahmen des Projekts Multispektrale Tarnsysteme (MSTS) beschafft das Bundesamt für Rüstung armasuisse neue Tarn- und Täuschsysteme. Dazu gehören auch Ganzkörpertarnsysteme für die Angehörigen der Schweizer Armee. Ziel ist es, die Entdeckbarkeit von Truppe, Material und Infrastruktur gegenüber modernen Aufklärungssensoren zu reduzieren.
Tarnung beginnt mit dem menschlichen Auge
Tarnmuster, Farben und dreidimensionale Strukturen verwischen Konturen und lösen die charakteristische Silhouette eines Menschen auf. Dadurch verschmilzt eine Person besser mit ihrer Umgebung und wird im Gelände deutlich schwieriger erkennbar. Im Rahmen von MSTS wurden sogenannte Ghillie-Suits evaluiert. Dabei handelt es sich um Ganzkörper-Tarnanzüge mit Kapuze sowie Tarnmaterial für Oberkörper, Arme und Beine. Ergänzend wurden Tarnüberwürfe geprüft, die wie ein leichter Poncho über Ausrüstung und Bekleidung getragen werden können. Beide Systeme lassen sich zusätzlich mit natürlicher Vegetation wie Blättern oder Ästen ergänzen, um die Tarnwirkung weiter zu verbessern.
Was das Auge nicht sieht
Eine Person kann visuell gut getarnt und für technische Aufklärungssensoren dennoch deutlich sichtbar sein. Besonders anschaulich zeigt sich das bei Wärmebildgeräten: Während eine Soldatin oder ein Soldat für das menschliche Auge nahezu mit der Umgebung verschmilzt, hebt sich die Körperwärme auf einem Wärmebild oft deutlich vom Hintergrund ab. Je nach Darstellung erscheint die Person als helle oder orange-rote Silhouette. Genau hier setzt die multispektrale Tarnung an: Spezielle Fasern, Beschichtungen und textile Strukturen beeinflussen die Wärmeabgabe an die Umgebung. Dadurch wird verhindert, dass sich die Körperwärme auf einem Wärmebild deutlich von der Umgebung abhebt.
Zwischen Wald und Stadt
Nicht jede Umgebung stellt die gleichen Anforderungen an die Tarnung. In Wäldern und Wiesen bestimmen Grün- und Brauntöne das Landschaftsbild, während in bebauten Gebieten andere Farben, Kontraste und Strukturen vorherrschen. Hinzu kommen die Veränderungen durch die Jahreszeiten: Wo im Frühling frisches Grün dominiert, prägen im Winter Schnee und kahle Äste die Landschaft. Um in verschiedenen Umgebungen und Jahreszeiten wirksam zu bleiben, beschafft armasuisse verschiedene multispektrale Tarnsysteme.
Technik, die getragen werden muss
Persönliche Tarnung muss nicht nur technisch wirksam sein, sondern sich auch im Einsatz bewähren. Ein Tarnanzug soll schützen, ohne die Trägerin oder den Träger einzuschränken. Er muss leicht transportiert, schnell an- und abgelegt werden können sowie genügend Bewegungsfreiheit bieten. Zudem wurde geprüft, ob sich die Systeme mit einem ballistischen Schutzhelm nutzen lassen, wenig Platz beanspruchen und die persönliche Ausrüstung weiterhin erreichbar bleibt. Die Rückmeldungen der Truppe waren dabei zentral. So konnte sichergestellt werden, dass die Systeme auch im Alltag der Soldatinnen und Soldaten funktionieren.
Wer entdeckt wen zuerst?
Die im Rahmen von MSTS ausgewählten Systeme entsprechen dem aktuellen Stand der Technik und bieten eine einheitliche, leichte Lösung für die persönliche Tarnung. Mit der Weiterentwicklung der Aufklärungstechnologien steigen jedoch auch die Anforderungen an die Tarnung. Neue Tarnmaterialien und -technologien könnten künftig weitere Möglichkeiten eröffnen, Signaturen noch gezielter zu reduzieren. Hinter der Weiterentwicklung von Tarnung und Aufklärung steht letztlich eine zentrale Frage, die im Einsatz über Schutz und Überleben entscheidet: Wer entdeckt wen zuerst?



