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Veröffentlicht am 22. September 2023

Wie Schweizer Robotik erprobt und an die Armee übergeben wird

Der Schutz und die Sicherheit von Einsatzkräften können durch den Einsatz von Roboter erhöht werden. Die Roboter steigern auch die Effektivität und Effizienz von Missionen. Dies, weil sie gewisse Informationen wesentlich schneller erfassen, nicht ermüden und in für den Menschen unerreichbare oder lebensgefährliche Orte vordringen. Hierbei nimmt das Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum eine wichtige Rolle ein, denn sie erprobt mit Robotern den Ernstfall. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Einsatzszenarien erprobt werden, wie die Künstliche Intelligenz die Roboter verlässlicher und autonomer macht und wie die Roboter an die Schweizer Armee übergeben werden.

Dr. Tonya Müller, Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum VBS, armasuisse Wissenschaft und Technologie

Grafik der Zukunft mit verschiedenen Robotern im Rettungseinsatz

Das Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum SDRZ untersucht, wie es die Schweizer Armee sowie weitere Sicherheitsorgane in bedrohlichen Situationen technisch unterstützen kann. Hierbei betreibt es Forschung, um den Stand der Technologien sowie mögliche Anwendungen für die Armee zu beurteilen.

Der Roboter R2-D2 aus der Star-Wars-Saga wird vielen ein Begriff sein. Dieser intelligente Roboter mit dem halbrunden Kopf navigiert, erkennt Gefahren und rettet als «Allzweckwerkzeug» seine Freunde Luke Skywalker und Prinzessin Leia aus bedrohlichen Situationen. Das Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum (SDRZ) beschäftigt sich nicht mit Technologie für intergalaktische Aufgaben. Es befasst sich aber durchaus mit Technologien, die als intelligente Allzweckwerkzeuge dienen könnten, um die Truppen der Schweizer Armee und weitere staatliche Sicherheitsorgane in bedrohlichen Situationen technisch zu unterstützen.

Wie ferngesteuerte Baumaschinen Aufgaben in Risikogebieten durchführen

Die Schweizer Armee verwendet für ihre Schiessübungen oft Fanggruben. Darin häufen sich verschossene Munition, Munitionsteile und aber auch Blindgänger an. Nun müssen zahlreiche solche Fanggruben wie auch grossflächige Schiessplätze von Munitionsrückständen befreit werden. Genau für solche Aufgaben mit gefährlicher, kontaminierter Schwerlast ist der Schreitbagger namens ARMANO gedacht. Dieser ferngesteuerte Bagger kann nicht nur Fanggruben, sondern auch chemisches oder radioaktives Material räumen. Anstelle der risikobehafteten und zeitintensiven Räumung durch Menschenhand, könnten Einsatzkräfte dank ARMANO das tonnenschwere Material aus sicherer Distanz lokalisieren und bergen. Neuerdings kann der Bagger auch an einer Saugmaschine angeschlossen werden. Da- durch kann kontaminiertes Material deutlich schneller wegbefördert werden. Um die Fähigkeiten und die Zuverlässigkeit vom ARMANO für den echten Einsatz in der Armee zu überprüfen, haben die Maschinenführer vom Lehrverband Genie/Rettung/ ABC (LVBGRABC) mehrere Tests mit dem Kompetenzzentrum für Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung (KAMIR), mit Schutz und Rettung Zürich (SRZ) und mit den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) durchgeführt. Die Maschinenführer konnten – aus einer Distanz von bis zu mehreren hundert Kilometern – den ARMANO in explosions-, einsturz- oder lawinengefährdeten Gebieten fernsteuern. Dank zahlreicher Kameras und Sensoren am Bagger, wird diese Umgebung im entfernten Kontrollcockpit auf vier grossen Bildschirmen in Echtzeit dargestellt. Alle Kamerabilder zeigen zusätzlich virtuelle Elemente in Form von eingefärbten Flächen und Punkten. Diese sogenannte Augmented Reality soll für den Maschinenführer die Tiefenwahrnehmung und Orientierung im Raum verbessern, da diese aufgrund der Fernbedienung eingeschränkt sind. Die Tests verliefen erfolgreich, weshalb ARMANO sowie ein noch leistungsfähigerer ferngesteuerter Raupenbagger Ende 2021 an den LVBGRABC übergeben wurden.

Generell erfolgt die Übergabe von Robotern an die Schweizer Armee im Rahmen von ARDET. ARDET steht für Advanced Robotic Detachement und bezeichnet einen gemeinsam vom SDRZ und dem LVBGRABC entwickelten Prozess. Mit diesem Prozess können Roboter bereits bei geringerem technischen Reifegrad in die Armee überführt und eingesetzt werden. Die Vorteile sind vielfältig. So können Forschende die Roboter den Bedürfnissen des Bedarfsträgers fortlaufend anpassen. Weiter kann die Armee mit dem raschen technischen Wandel mithalten, und sie kann bereits vor einer Beschaffung Erfahrungen in den Bereichen Ausbildung, Finanzen, Sicherheit oder benötigtes Personal sammeln.

Wie der Laufroboter vollständig autonom ein Lagebild erstellt

Wechseln wir nun zu einem Einsatzbeispiel für einen Roboter in einem geschlossenen Gebäudekomplex. Zahlreiche Labore arbeiten mit chemischen und radioaktiven Komponenten. Im Falle einer Explosion könnten Chemikalien auslaufen, die Luft könnte toxisch sein und radioaktive Bestandteile könnten frei herumliegen. In solchen Szenarien wollen Einsatzkräfte möglichst schnell und akkurat ein Lagebild erstellen und Menschen auffinden. Der vierbeinige Roboter des SDRZ namens ANYmal kann in solchen Einsatzbereichen vollständig autonom in die Gefahrenzone entsandt werden. Im Gegensatz zu anderen Robotern mit Raupen oder Rädern, überwindet der Laufroboter Spalten und Hindernisse, steigt Treppen hoch und richtet sich nach einem Sturz wieder auf. Dank dem ferngesteuerten Arm kann er auch Objekte fassen, Schalter betätigen und Türen öffnen. Zusätzlich kann er mit einem Detektor aus sicherer Distanz Gefahrenstoffe identifizieren. Der ANYmal kann bis zu drei Stunden das Gefahrengebiet selbständig erkunden, bevor er neu geladen werden muss. Während dieser Dauer erstellt er in Echtzeit eine Karte des Ereignisperimeters, lokalisiert sich in dieser, identifiziert Gefahrenquellen, ortet Menschen und zeichnet deren Positionen auf. Seit Kurzem wurden die Füsse des ANYmal durch Räder ersetzt. Dank dieser Rad-Bein-Kombination behält der Roboter die Vorteile des Laufens, erreicht jedoch Geschwindigkeiten von bis zu sechzig Stundenkilometern und kommt dadurch deutlich schneller und energieeffizienter voran. Diese Vielfältigkeit, Agilität und Autonomie vom ANYmal führte die Forschungspartner im Jahr 2021 zum Sieg des international anspruchsvollsten Robotikwettbewerbes, der sogenannten Subterranean Challenge der Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA) des US-Verteidigungsministeriums.

Der ANYmal entstammt der gleichen Schweizer Forschungsgruppe wie die ferngesteuerten Baumaschinen. Dies ermöglicht es, Erkenntnisse in der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) zwischen den Systemen zu transferieren. Die KI ist fundamental, um die Kapazitäten und insbesondere auch die Autonomie dieser Roboter weiterzuentwickeln. Sie wird hierbei auf zwei Arten verwendet: Erstens verfeinert die KI die Regel- und Kontrollsysteme für immer komplexer werdende Missionen und Einsatzgebiete. Zweitens erfasst und komprimiert die KI Sensordaten für eine nutzeroptimierte Darstellung.

Wie der Tauchroboter unter Wasser aufklärt

Von den Robotern an Land wechseln wir nun zu einem Roboter, der im Wasser Unterstützung leistet. In Schweizer Gewässern finden jährlich hunderte Einsätze statt, um Objekte zu bergen und um Stellen zu überwachen, an denen in der Vergangenheit Munition versenkt wurde. Spezialkräfte verbringen hierfür Stunden in tiefen und kalten Gewässern und sind potenziell auch chemischen oder explosiven Risiken ausgesetzt. Um solche Aufgaben zu unterstützen, kommt nun der Tauchroboter namens Proteus zum Zug. Dessen Einsatz erhöht die Sicherheit, da er aus der Ferne ein mit Munition kontaminiertes Gebiet untersuchen kann. So liefert der Roboter eine digitale Datenbasis, die mit anderen Einsatzkräften wie der Polizei ausgetauscht werden kann, um eine Strategie im Umgang mit den Gefahrengütern planen zu können.

Nun, wie sieht Proteus genau aus? Er hat einen rechteckigen Körper und ist an jeder Ecke mit zwei Propellermotoren bestückt. Dies macht ihn ausserordentlich manövrierfähig. Der Roboter hat einen Greifarm und überträgt ein Kamerabild sowie ein Sonarbild in Echtzeit. Das Sonarbild stellt auch bei schlechten Sichtbedingungen die Oberflächenstruktur der umliegenden Gegenstände dar. Er kann bis auf 600 Meter tauchen und kann trotz den kalten Temperaturen bis zu vier Stunden Hilfe leisten. Zurzeit wird erforscht, wie der Roboter sich mit Unterwasser-GPS lokalisieren kann, um dann ein Gefahrengebiet autonom abzusuchen und zu kartographieren. Nebst ARMANO und ANYmal wurde auch Proteus fortlaufend im engen Austausch mit den Einsatzkräften der Schweizer Armee getestet und evaluiert. Nach bereits zwei Jahren arbeitete dieser so zuverlässig, dass er ebenfalls im Rahmen von ARDET an die Taucher vom KAMIR übergeben wurde.

Basierend auf dem Wissen von Proteus, arbeitet der Forschungspartner des SDRZ an einem neuen Roboter für den Einsatz in Fliessgewässern. Dieser soll die Aufklärung unter Bedingungen oder an Einsatzorten ermöglichen, die für die Militärtaucher eine zu hohe Gefahr darstellen. Der Flussroboter könnte zum Beispiel bei höheren Fliessgeschwindigkeiten, bei der Gefahr von Schwemmholz, oder in Gebieten oberhalb von Staudämmen und Wasserkraftwerken zum Einsatz kommen.

Wie modulare Drohnen und Roboter im Verbund eingesetzt werden könnten

Alle oben vorgestellten Roboter haben verschiedene Fähigkeiten und Eigenheiten. Doch wie kann deren Betrieb vereinheitlicht werden und wie könnten diese kooperieren, um gemeinsam einen Mehrwert zu schaffen? Ein Projektziel ist, die spezifischen Fähigkeiten von einzelnen Robotern so zu kombinieren, dass sie die Lagebilderfassung, Aufklärung, Kommunikationsunterstützung, Überwachung oder Inspektion möglichst schnell, vollständig und verlässlich durchführen können. Um dieses Potential zu evaluieren, forscht das SDRZ gemeinsam mit einem Schweizer Unternehmen an einem Standard. Basierend auf diesem Standard sollen die Roboter über die gleiche Bedienerschnittstelle kontrolliert und lokalisiert werden. Zudem sollen die Roboter ihre Messdaten über die gleiche Schnittstelle übertragen. Für die Einsatzkräfte bietet ein solcher Standard grosse Vorteile: Die Vereinheitlichung der Bedienung und der Daten reduziert die Ausbildungszeit und vereinfacht die operativen Prozesse.

Die erwähnten Beispiele zeigen, wie die Expertise der Schweizer Robotik-Industrie und Forschungslandschaft zu Gunsten der nationalen Sicherheit genutzt wird. Das SDRZ ist bestrebt, Lösungen im Bereich der Fortbewegungskonzepte, Navigation, Mensch-Maschine-Schnittstellen und Schlüsseltechnologien zu erforschen, die die Einsatzkräfte gerne und effektiv einsetzen können. Mit der Übergabe einzelner Roboter an die Schweizer Armee wurde der Prozess ARDET initiiert. Nun gilt es, diesen Prozess so zu strukturieren und zu festigen, dass sich diese rasant entwickelnde Technologie in Zukunft noch effizienter in die Einsatzkräfte übertragen lässt. Obwohl die hier erwähnten Roboter weit davon entfernt sind, um wie R2-D2 nahtlos mit Personen zu interagieren, kann die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine schon heute zur effizienteren Bewältigung von gefährlichen Situationen dienen und den Schutz und die Sicherheit erhöhen.

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