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«Die Pandemie gibt uns einen Anstoss, die Grundlagen im Informationsschutz zu verbreitern.»

Die Pandemie hat das üblicherweise geschäftige Brüssel physisch weitgehend stillgelegt, viele Events finden nun im virtuellen Raum statt. Während der ersten Welle letzten Frühling waren infolge des im Vergleich zur Schweiz strengeren Lockdowns in Belgien keine persönlichen Treffen oder Sitzungen möglich. Diese bilden jedoch einen Grossteil der Arbeit von André Gsell. Erfahren Sie mehr zu dieser unüblichen Situation in Brüssel in seinem ausführlichen Bericht.

Romy Joller, Fachbereich Kommunikation, Ressourcen und Support; André Gsell, Rüstungsangelegentheiten, EDA Brüssel

Porträt von André Gsell

Kurzporträt

Zusammen mit seiner Stellenpartnerin Eva Herrmann vertritt André Gsell die Interessen von armasuisse in Brüssel. Während Eva Herrmann als Verbindungsperson zur Europäischen Verteidigungsagentur auf der Mission der Schweiz bei der EU wirkt, repräsentiert und vertritt André Gsell den Rüstungschef als Schweizer Vertreter in der Konferenz der Rüstungsdirektoren der NATO. Derzeit hat er aufgrund der Mutterschaftszeit seiner Stellenpartnerin beide Rollen inne.

Die Pandemie hat das üblicherweise geschäftige Brüssel physisch weitgehend stillgelegt, viele Events finden nun im virtuellen Raum statt. Die multilaterale Rüstungszusammenarbeit sah sich mit der Begebenheit konfrontiert, dass keine persönlichen Treffen oder Sitzungen mehr möglich waren. Seit dem ersten Lockdown gab es kurze Phasen, in denen man sich treffen konnte, jedoch nur mit beschränkter Planbarkeit und immer wechselnden Vorgaben in den einzelnen Ländern, aus denen die Teilnehmer nach Brüssel reisen.

Seit dem Sommer finden viele Sitzungen in Form von Telefonkonferenzen oder virtuellen Sitzungen statt – allerdings üblicherweise auf digitalen Kommunikationstools wie Zoom, Webex oder Microsoft Teams. Weil dabei die Vertraulichkeit nicht gegeben ist und auch aufwändige Angriffe auf solche Austausche sehr viel besser skalierbar sind, haben sich die Inhalte angepasst und sind weniger relevant geworden. Dies führt dazu, dass die Qualität der Sitzungen schwankt. Manche Kommunikationstools sind gerade bei Sitzungen mit vielen Teilnehmenden nicht stabil genug und wichtige Möglichkeiten zur Netzwerkpflege am Rande von Treffen fallen weg. Die grösste Herausforderung liegt darin, dass wir zu den bestehenden, gesicherten Netzwerken der EU und der NATO entweder keinen Zugang haben oder sich die Tools nicht für grössere Anlässe eignen. Entsprechend analysieren wir derzeit, welche Möglichkeiten sich hier bieten, damit diese Lücke schnellstmöglich geschlossen werden kann.

Der Austausch mit unseren Counterparts vor Ort in Brüssel ist ebenfalls eingeschränkt.

Man ist ungewöhnlich zurückhaltend und muss kreative Ideen haben, um die Interessenspersonen aus der Reserviertheit zu locken.

 

Auf Stufe der Botschafter gab es beispielsweise virtuelle Mittagessen, bei denen die Gänge dezentral an die Heimadressen der Teilnehmer geliefert wurden – eine logistische Herausforderung. Auf unserer Stufe trifft man sich derzeit statt für einen Kaffee im NATO-Headquarter eher zu einem gemeinsamen Spaziergang in einem Park, schafft etwas Vertrautheit in einer virtuellen Sitzung oder lässt auch mal eine Anfrage ganz fallen.

Die Reiseeinschränkungen haben auch meine Dienstreisen im Jahr 2020 stark beeinflusst. Üblicherweise reisen meine Stellenpartnerin und ich etwa alle 6-8 Wochen für Besprechungen und Kontaktpflege beruflich in die Schweiz oder an andere Orte in Europa. Hinzu kommen private Besuche und insbesondere Reisen für meine militärischen Dienstleistungen. 2020 war diesbezüglich eine einschneidend andere Erfahrung. Durch den Wegfall der Zeitaufwände für Reisen bei Kontakten gelingt es zuweilen besser, in die Tiefe zu stossen. So konnten wir 2020 einige grössere Pendenzen abschliessen. Zum Beispiel das C4ISR-Rahmenabkommen (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance and Reconnaissance) mit der NCIA (NATO Communications and Information Agency) oder den Entscheid des Bundesrates über die Beteiligung am Helicopter Exercise Programme der Europäischen Verteidigungsagentur.

Die Pandemie gibt uns einen starken Anstoss, die Grundlagen im Informationsschutz zu verbreitern.

 

Die Pandemie stellt uns alle vor viele verschiedene Herausforderungen. Für mich persönlich liegt die grösste, berufliche Herausforderung in der Planungsunsicherheit, die uns derzeit dazu anhält, für jeden Anlass einen Plan B und C bereit zu halten. Dies zwingt zur umsichtigen Planung, um bei Situationsänderungen flexibel auf die neue Lage reagieren zu können: Auch wenn kein Plan die Pandemie untangiert übersteht, helfen die Überlegungen beim Umgang mit Risiken und der Suche nach Alternativen, um trotzdem möglichst rasch zum Ziel zu kommen.

Auch privat gab es, einiges zu meistern. Meine Frau und ich haben während der Pandemie ein zweites Kind bekommen. Dies wäre schon unter normalen Umständen eine Umstellung – während der Pandemie, im Ausland und gemeinsam in einem Job-Sharing Gespann, war das für uns eine besondere Herausforderung. Wir freuen uns, dass alles gut geklappt hat.

Abschliessend gilt es einige positive Aspekte hervorzuheben, welche diese Krise mit sich gebracht hat. Einerseits ist mir die Wichtigkeit von Grundlagenarbeit wieder vor Augen geführt worden, insbesondere im Informationsschutzbereich. Dieses, etwas trockene, Thema hat durch die Pandemie eine neue Dringlichkeit erhalten, nämlich um neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen. Andererseits wurden uns die aktuellen Möglichkeiten, aber auch die Defizite der Digitalisierung unseres Büro-Alltages aufgezeigt. Hier bin ich dankbar über neue Skills, sehe aber auch, dass unsere Systeme und auch wir persönlich uns noch weiterentwickeln können. Und in Bezug auf unser Arbeitsmodell sind wir nach der Krise noch überzeugter, hier für alle Betroffenen eine attraktive Lösung gefunden zu haben, die sich auch als krisenfest und flexibel erwiesen hat.