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«Streben nach Effizienz sollte eher durch Erlangen von Resilienz ersetzt werden»

Fabian Brechbühl, Leiter Informatik armasuisse, spricht im Interview über die «Digital Journey» von armasuisse sowie die Chancen und Risiken des digitalen Transformationsprozesses. Er erklärt, warum Mitarbeitende bezüglich Digitalisierung nicht nur Multiplikatoren sondern Promotoren sein sollen und auf welche Risiken der Digitalisierung man achten sollte, damit aus agil nicht fr-agil wird.

Lea Ryf, Fachbereich Kommunikation, Kompetenzbereich Ressourcen und Support

Porträtbild von Fabian Brechbühl, Chief Information Officer und Leiter Informatik armasuisse.
Fabian Brechbühl, Chief Information Officer und Leiter Informatik armasuisse.

Die «Digital Journey» ist eine Lernreise durch den technologischen, organisatorischen und kulturellen Transformationsprozess im VBS und bei armasuisse. Was war die Motivation für Sie, sich als Verantwortlicher armasuisse für die «Digital Journey» zu melden?

Vorab vielen Dank für die Möglichkeit eines Interviews und eine kurze Gegenfrage: Können wir uns bitte in der Du-Form unterhalten? Ich biete dies auch immer allen anderen Arbeitskolleginnen und -kollegen an. Es schafft unnötige Distanzen ab, denn meines Erachtens sind gegenseitiger Respekt und Anstand davon unabhängig.

Zurück zu Deiner Frage. Die Motivation hierfür ist bei mir wohl genetisch bedingt: Von Natur aus sehr wissbegierig, geistige Herausforderungen liebend und dem Typ «Generalist» entsprechend. Als Leiter Informatik oder neudeutsch CIO (Chief Information Officer) bin ich für die Weiterentwicklung der armasuisse mitverantwortlich. Die technischen Hilfsmittel der IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) mögen dabei nur einen Teilaspekt darstellen, sind in ihrer Ausprägung aber elementar. Es geht also darum, die Weiterentwicklung der armasuisse bestmöglich zu unterstützen und dafür die Anforderungen sowie Bedürfnisse der Mitarbeitenden zu kennen, sei es prozessual, organisatorisch oder technisch. All diese Aspekte kommen einerseits in jedem klassischen IKT-Projekt vor und sind andererseits wesentliche Bestandteile einer «Digital Journey». Auch deshalb versuche ich wo immer möglich auf die IKT-Entwicklung in der Bundesverwaltung Einfluss zu nehmen. Die «Massenträgheit» bei relevanten Änderungen oder dringenden Neuerungen in der IKT-Entwicklung wirkt in meinen Augen oft noch zu stark.

Die «Massenträgheit» bei relevanten Änderungen oder dringenden Neuerungen in der IKT-Entwicklung wirkt in meinen Augen oft noch zu stark.

Das Symbolbild DigitalJourney VBS zeigt einen Wanderwegweiser in richtung Berge zu wessen Fusse ein Camp aufgeschlagen ist.  Symbolisch werden die wichtigsten Elemente gezeigt.
Die «Digital Journey VBS» als grafische Darstellung aufbereitet.

Kannst Du uns mehr über das Zielbild, die Ambitionen und die Handlungsfelder für die Digitalisierung bei armasuisse erzählen, welche als Kompass in der «Digital Journey» dienen?

Eine solche Reise kennt grundsätzlich keinen Anfang und kein Ende, denn heute sprechen wir global bereits von «Industrie 4.0» und entsprechend werden weitere Entwicklungsschritte folgen. Ich empfehle, unsere «Reiseziele» in einer für armasuisse eigenen Digitalisierungsstrategie festzuhalten, oder aber sie in der Unternehmensstrategie noch prominenter abzubilden. Letztlich ist es an der Unternehmensleitung, entsprechende Ziele, Ambitionen und Handlungsfelder für das Amt festzulegen. Da ich aber nun bereits auf Stufe Departement an diesen Fragestellungen mitarbeiten durfte und wir gemeinsam(e) Lösungsansätze erarbeitet haben, werde ich mich bei diesem Prozess auch weiterhin innerhalb der armasuisse einbringen.

Du hast Dich als einer von rund 30 Mitarbeitenden im gesamten VBS für die einjährige Lernreise mit dem ada fellowship-Lernprogramm qualifiziert, welches Teilnehmende zu wirksamen Multiplikatoren der Digitalisierung in ihren Verwaltungseinheiten ausbilden soll. Was erwartest Du von dieser Lernreise?

Meine diesbezügliche Erwartungshaltung ist hoch, was aber auch mit einer entsprechend ausgeprägten Motivation und Vorfreude einhergeht. Nebst dem von Dir angesprochenen, sehr wichtigen Thema der Multiplikatoren, sehe ich insbesondere das Schaffen eines gemeinsamen Verständnisses als grosse Chance. armasuisse hat das Glück, aus jedem Kompetenzbereich je eine Person stellen zu dürfen, was gerade in Sachen Digitalisierung eine wichtige Brücke bauen kann. Diese Mitarbeitenden sind also künftig nicht «nur» Multiplikatoren, sondern im besten Falle auch Promotoren, was der Sache zusätzlichen Schwung verleiht. Ergänzt durch die Unternehmens- und Personalentwicklung, könnten wir so zu einem Kernteam für Digitalisierung heranwachsen. Und wer weiss, vielleicht lässt sich damit ja sogar ein Spirit aufbauen, der uns eines Tages den «Digital Economy Award» gewinnen lässt?

Mitarbeitende sollen nicht «nur» Multiplikatoren, sondern im besten Falle auch Promotoren der Digitalisierung sein.

Fabian Brechbühl, Chief Information Officer und Leiter Informatik armasuisse, beim Erarbeiten der Entwicklungsfelder, Initiativen und Epics der «Digital Journey VBS».
Fabian Brechbühl, Chief Information Officer und Leiter Informatik armasuisse, beim Erarbeiten der Entwicklungsfelder, Initiativen und Epics der «Digital Journey VBS».

Was bedeutet Digitalisierung und digitaler Transformationsprozess in Deinem Fachbereich Informatik?

Digitalisierung im klassischen Sinn begann eigentlich bereits mit der Erfindung des Computers in den 1940er Jahren. Nebst der stets schneller werdenden Technologieentwicklung, stellt sie für die Informatik der Haupttreiber dar und macht dieses Business letztlich auch so abwechslungsreich und spannend.
Als Basis sind die Performance und die Verfügbarkeit der IKT-Hilfsmittel sowie der eingesetzten Fachanwendungen von zentraler Bedeutung und wollen gemanagt werden.
Es bedingt aber ein ständiges Verfolgen und Beurteilen der Technologietrends sowie entsprechende Aus- und Weiterbildungen aller Beteiligten.
Um in meiner Rolle die künftige Entwicklung sowie die daraus resultierenden Anforderungen noch frühzeitiger antizipieren zu können, haben wir 2017, mit Unterstützung des Rüstungschefs, das Programm zur Einführung einer Unternehmensarchitektur ins Leben gerufen, welches per Ende 2020 erfolgreich im Betrieb verankert werden konnte. Mit entsprechenden Methoden können so Zusammenhänge transparent gemacht und Komplexität reduziert werden.
Ich erachte die Unternehmensarchitektur heute deshalb als eine wichtige Grundvoraussetzung für den digitalen Transformationsprozess, so dass «Ursache und Wirkung» besser verstanden und in der Weiterentwicklung einer Unternehmung mitberücksichtigt werden kann.

Welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung und digitale Transformation für armasuisse?

Diese Frage muss Stand heute wohl in einem etwas anderen Kontext betrachtet werden, als man dies vor März 2020 getan hätte. Was zuvor bezüglich nächsten Digitalisierungsschritten noch für fast unmöglich gehalten wurde, entspricht nun bereits der «neuen Normalität».
Chancen bestehen insbesondere dann, wenn man gedanklich gewohnte Pfade verlässt und sich schon nur die Frage stellt, ob es im Rahmen der meist verwendeten Prozesse noch Optimierungs-, Automatisierungs- oder Digitalisierungspotenzial gibt oder ob beispielsweise der Einsatz von Künstlicher Intelligenz oder anderen Errungenschaften Sinn machen würde?
In Anlehnung an ein bekanntes Zitat würde ich es so formulieren:
«Digitalisiert man einen unbrauchbaren Prozess, so erhält man einen unbrauchbaren digitalen Prozess». Es verhält sich also in etwa so wie bei einem Wohnungswechsel: Besser vor dem Umzug ausmisten, als den ganzen Krempel mühsam mitzuschleppen und in der neuen Wohnung wieder irgendwo zu verstauen. Dies ist somit bei der weiteren «Digital Journey» unbedingt zu beachten.
Auf der anderen Seite, und damit komme ich zu den Risiken, hemmt ein permanentes «optimieren Wollen» dieser Prozesse häufig auch die Weiterentwicklung einer Unternehmung. Man müsste das heute nach wie vor weit verbreitete Streben nach Effizienz eher durch das Erlangen von Resilienz ersetzen. In Zeiten von Informations- und Datenflut sowie der zunehmenden Verwässerung von Arbeits- und Privatleben («Work-Live-Blending») muss deshalb sowohl der Gesundheit der Mitarbeitenden, wie auch der eigenen, unbedingt die nötige Beachtung geschenkt werden. Es muss auch verhindert werden, dass das Allerweltswort «agil» nicht zu «fr-agil» wird.

In Zeiten von Informations- und Datenflut sowie des «Work-Live-Blending» muss sowohl der Gesundheit der Mitarbeitenden wie auch der eigenen unbedingt die nötige Beachtung geschenkt werden.

 

Was bedeutet für Dich persönlich Digitalisierung und was fasziniert dich insbesondere daran?

Für mich ist seit Kindesalter fast alles, was mit Technik und Computern zusammenhängt, faszinierend. Meine persönliche Challenge ist es deshalb, auch mit fortschreitendem Alter weiterhin mit Begeisterung neue Themen und Technologien anzugehen, um sie nach Möglichkeit mehr oder weniger zu beherrschen. Sie Nutzen stiftend einzusetzen und damit «die Welt ein wenig einfacher zu machen», treibt mich an. Damit schliesst sich für mich eigentlich auch der Kreis zur Einstiegsfrage bezüglich meiner Motivation.

Kurzporträt von Fabian Brechbühl

Porträtbild von Fabian Brechbühl, Chief Information Officer und Leiter Informatik armasuisse.

Fabian Brechbühl (49) trat 2008 als Fachbereichsleiter Informatik in die armasuisse ein. Er leitete u.a. die Einführung des Kompetenzzentrums Unternehmensarchitektur armasuisse und ist Verantwortlicher für die «Digital Journey» innerhalb von armasuisse. Der diplomierte Bauingenieur FH besitzt ein EMBA in General Management und war zuvor als Senior Consultant für Unternehmensentwicklung, IKT und Baumanagement tätig.