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Bedeutung zunehmend autonomer Systeme im militärischen Kontext

Autonomere Roboter und Waffensysteme bringen zahlreiche militärische Vorteile mit sich und bergen das Potential, die Kriegsführung zu revolutionieren. Doch die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken sind nicht zu unterschätzen. Sie reichen bis heute nicht aus, um international eine klare Regelung zum Einsatz autonomer Waffensysteme zu bewirken. armasuisse W+T unterstützt die Schweiz in der Diskussion um den Einsatz autonomer Systeme.

Pascal Vörös, Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum/SDRZ, armasuisse Wissenschaft und Technologie in Zusammenarbeit mit Bereich Weiterentwicklung der Armee/Armeeplanung

Ein Mann und ein Mädchen stehen vor dem futuristisch aussehenden Hauptgebäude von armasuisse W+T in Thun. Vor den beiden steht der Laufroboter Anymal, am Himmel schweben Drohnen umher.

Im Jahr 2018 haben Elon Musk und 160 Organisationen aus Forschung und Wirtschaft sowie 2400 weitere Expert/innen in der Kampagne «Stop Killer Robots» gegen den Bau von autonomen Waffensystemen aufgerufen. Damit ist die Thematik einer solchen Bedrohung erstmals für viele in der breiten Bevölkerung ins Bewusstsein gerückt. 

Als Teil des Technologiezentrums des VBS, armasuisse Wissenschaft und Technologie, befasst sich das Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrum (SDRZ) intensiv mit aktuellen und zukünftigen Anwendungen unbemannter, autonomer Systeme. In diesem Beitrag gehen wir darauf ein, weshalb das Thema der zunehmenden Autonomie bei Robotern im militärischen Kontext von hoher Bedeutung ist. 

Autonomere Roboter – Potential zur Revolutionierung der Kriegsführung

Neben Entwicklungen in der Hardware der Robotik mit leistungsfähigeren Komponenten wie beispielsweise Sensoren und Prozessoren, ermöglichen heute vor allen Dingen die Methoden des maschinellen Lernens drastischste Fortschritte. Durch diese «künstliche Intelligenz» werden Roboter autonomer. Dies sowohl was die Erfüllung der Aufgabe in ihrer Umwelt angeht, als auch in ihrer Missionserfüllung sowie in der Interaktion mit dem Menschen (siehe Beitrag «Wirklich autonom – oder vielleicht doch nur automatisch?»).

Das SDRZ beobachtet die rasante Entwicklung autonomer Systeme eins zu eins in der Praxis. So haben beispielsweise die beiden Forschungsdemonstratoren Armano und ANYmal in den letzten drei Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die erhöhte Autonomie dieser beiden Systeme soll der Schweizer Armee in der Katastrophenhilfe zu Gute kommen (siehe nachfolgende Videos). Das SDRZ betreibt keine Forschungsprojekte zum Nutzen von autonomen Waffensystemen. Andere Ländern sind jedoch diesem Bereich aktiv. 

Schon im Jahr 2009 erforschte der US-amerikanische Politikwissenschaftler P.W. Singer in seinem Buch «Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century» den Beginn der robotergestützten Kriegsführung. Autonome Waffen wurden seither immer wieder als die dritte Revolution in der Kriegsführung beschrieben (nach Schießpulver und Atomwaffen). Durch autonome Waffensysteme besteht das Potential militärische Überlegenheit sicherzustellen. Mit der maschinellen Unterstützung wird bei Kampfhandlungen der Kreislauf von Zielsuche, Zielerfassung, Entscheid zur Zielbekämpfung und Zielbekämpfung massiv beschleunigt. Gemäss dem OODA Loop Paradigma (siehe Abbildung) gewinnt jener Akteur den Kampf, der diesen Kreislauf schneller als der Gegner durchläuft.

Kreislauf OODA-Loop

Das schnelle Durchlaufen dieses Kreislaufes macht beispielsweise das israelische Verteidigungssystem Iron Dome militärisch entsprechend wertvoll. In ständiger Überwachung des Luftraumes (observe) erkennt das System innert sekundenbruchteilen anfliegende Raketen (orient), berechnet deren Gefahrenpotential und entscheidet ob sie abgeschossen werden sollen (decide) und falls ja, schiesst das System die Raketen ab (act). Ein Mensch hätte keine Chance diese Aufgabe in der gleichen Zeitspanne und damit zeitgerecht vor dem Eintreten eines Ereignisses zu erfüllen. 

Ein anderer zentraler Aspekt für die Revolution der Kriegsführung durch autonome Systeme ist, dass die Technologien und Hardware durch die massiven kommerziellen Investitionen günstiger und verfügbarer geworden sind. Die im letzten Artikel dieser Insights-Reihe beschriebene KARGU-2 Drohne ist ein Beispiel hierfür. Auch der Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan im Herbst 2020, bei welchem Klein-Drohnen eingesetzt wurden, hat der Welt jüngst vor Augen geführt, dass autonomere Systeme heute tatsächlich die Kriegsführung verändern können. Die Wirkung dieser Mittel liess Militärs rund um die Welt aufhorchen.

Dies führt zum dritten zentralen Argument, weshalb derartige Systeme die Kriegsführung revolutionieren können: Kleinere, billigere, vielfältige und fähigere Roboter führen dazu, dass diese mehr und mehr in Gruppen oder gar Schwärmen operieren werden. Dies, mit dem Potential, die gegnerische Verteidigung zu überwältigen. 

Autonomere Roboter – militärische Vorteile

Neben der beschleunigten Aktionsführung, der Kostenreduktion und der Skalierbarkeit in Gruppen bieten autonomere Waffensysteme (AWS), weitere zahlreiche militärische Vorteile: 

AWS dienen dem Schutz und der Entlastung eigener Kräfte durch ein reduziertes Exponieren eigener Soldatinnen und Soldaten in Kriegsgebieten. Sie ermöglichen eine gewisse Kompensation von Bestandesreduktionen, indem mit weniger Personal an der Front und mit den entsprechenden technischen Hilfsmitteln zugewiesene Aufgaben effizienter, dauerhafter und effektiver erfüllt werden können – auch wenn der Unterhalt aufwändiger sein dürfte. 

Des Weiteren sind AWS einsetzbar in Umgebungen, in denen die Kommunikation gestört oder beeinträchtigt wird (z.B. gestörte Funk- oder GPS Verbindungen; sowie Reduktion der elektronischen Aufklärungsmöglichkeiten des Gegners). Einsätze, die für den Menschen langweilig, schwer erträglich, gefährlich und zeitraubend sind werden einfacher möglich (z.B. Überwachung von Gelände, Unterstützung in verseuchten Gebieten, Aufspüren und Beseitigen von Sprengfallen, Brandbekämpfung, etc.). 

Einsätze an Orten, die für den Menschen schwer erreichbar oder unerreichbar sind, werden einfacher oder generell durch AWS erst möglich (z.B. Bergregionen, Weltall, Tiefsee, etc.). 

AWS bieten die Möglichkeit, das humanitäre Völkerrecht besser einhalten zu können, da unbemannte oder gar autonome Waffensysteme nicht aus menschlichen Emotionen (z.B. Müdigkeit, Stress, Angst, Hass, etc.) heraus handeln. Zudem ergibt sich ein Potenzial Kollateralschäden durch selektive und präzise Wirkung zu verringern oder gar zu vermeiden.

Autonomere Roboter – militärische Nachteile

Einige der oben erwähnten Vorteile werden zu entsprechenden Nachteilen, falls ein Gegner von diesen profitieren kann, die eigenen Streitkräfte jedoch nicht. Die Systeme – und ganz besonders Mini-Drohnen – sind günstiger und verfügbarer geworden. Damit bietet sich auch einem schwächeren Gegner und nicht staatlichen Akteuren die Möglichkeit auf Distanz erhebliche Wirkungen erzielen zu können. Dies führt zu einem erheblichen Aufwand zur Abwehr solcher Systeme, da diese immer häufiger im Einsatz sind. 

AWS bringen die Schwierigkeit mit sich, zwischen bemannten, unbemannten und autonomen Waffensystemen unterscheiden zu müssen. Es ist zudem schwierig, «Schwärme» unterschiedlicher Systeme zu bekämpfen (pur autonom und intelligent oder Mischung, z.B. Drohnen, Täuschkörper und Marschflugkörper zur Überwältigung der integrierten Luftverteidigung). Eine weitere Herausforderung ist zudem, feindliche von zivilen oder gar eigenen Systemen zu unterscheiden. Damit verbunden ist ein gesteigertes Schutzbedürfnis im rückwärtigen Raum.

Eine Herausforderung, die AWS mit sich bringen, ist es, die erhöhte Autonomie zu nutzen, und gleichzeitig die menschliche Kontrolle über wichtige militärische Entscheidungen zu behalten. Wo früher beispielsweise der Mensch ein Objekt als feindlich identifizierte und erfasste, kann es heute sein, dass die Maschine diese Aufgabe übernimmt. Doch darf nun die Maschine die Entscheidung zur Zielneutralisierung fällen? Eines der obersten Gebote der Menschenwürde besagt: Ein Mensch darf nicht zum Objekt gemacht werden. Wenn eine Maschine nun einen Menschen auf ein automatisch mit Sensoren erfassten Ziel reduziert, wird der Mensch dann auf ein Objekt reduziert? Welche Regelungen müssten erbracht werden, damit dies ausgeschlossen werden kann?

LAWS – Positionierung der Schweiz und Beitrag von armasuisse W+T

Um die verschiedenen Herausforderungen und noch offenen Fragestellungen zur Thematik der LAWS anzugehen, wurden im Jahr 2014 Arbeiten im Rahmen der Vereinten Nationen aufgenommen. Drei Jahre später wurde formell eine internationale Gruppe von Regierungsexperten (GGE) für LAWS ins Leben gerufen. Deren Mandat ist es, offene und aufkommende Fragen im Zusammenhang mit neu entstehenden Technologien im Bereich der LAWS abzuwägen. Auch die Schweiz beteiligt sich in dieser Diskussion unter der Federführung des Aussendepartements (EDA). Das VBS, inklusive armasuisse W+T, unterstützt dabei.

Jüngste Beispiele für die zunehmende Bedeutung des Themas sind einschlägige politische Vorstösse der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates. Beispielweise verlangen zwei Postulate vom Bundesrat zu prüfen und Bericht zu erstatten über klare Regeln für autonome Waffen und welche Auswirkungen die Drohnentechnologie auf die Sicherheit der Schweiz hat. 

armasuisse W+T kann dafür auf ihre vorhandene technische Expertise und ihr Forschungsnetzwerk zurückgreifen. Sie liefert entsprechend Inputs zu den geforderten Papieren und Diskussionen zu Gunsten unsere Partner in der Armee und dem EDA. Das SDRZ führt einige Forschungsprojekte, die über entsprechende Berührungspunkte verfügen. Nebst der Bestimmung des Autonomiegrades von Systemen (siehe Beitrag «Wirklich autonom – oder vielleicht doch nur automatisch?») ist das SDRZ auch in der Beantwortung ethischer Fragestellungen rund um LAWS aktiv. Hierzu wird beispielweise in Zusammenarbeit mit den Universitäten Zürich und St. Gallen ein Ethik-Evaluations-Schema entwickelt, um ethische Risiken fundiert beurteilen und adressieren zu können. In einem weiteren Projekt wird untersucht, wie sich die Beratung durch einen Menschen oder eine künstliche Intelligenz in einem Führungsunterstützungsszenario auf den Entscheider auswirkt. Interessanterweise haben erste Resultate gezeigt, dass die Befragten der Maschine tatsächlich Verantwortlichkeit zusprechen. Eine nächste Massnahme des SDRZ ist es, die Entwicklungen von bewaffneten, autonomeren Systemen systematischer zu überwachen und Fallbeispiele aufzuarbeiten. 

Fazit

Die Systeme gewinnen in der Praxis rasant an Autonomie und die militärischen Vorteile können dadurch zahlreich und hoch sein. LAWS zu verbieten scheint daher schwierig und eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema angemessen. Ganz so, wie der «Director of Studies at the Center for a New American Security»  Paul Scharre schrieb: «The Winner of the robotics revolution will not be who develops this technology first or even who has the best technology, but who figures out how best to use it».