print preview

«Am Ende des Evaluationsprozesses, ist ein umfassender Vergleich zwischen den Kandidaten möglich»

Die Evaluation des neuen Kampfflugzeugs ist komplex. Nach welcher Methodik wird gearbeitet, nach welchen Regeln erfolgt die Zusammenarbeit im Projekt und mit den Kandidaten, welche Tools kommen zum Einsatz, welche Schnittstellen gilt es zu beachten oder für welche Eventualitäten muss man gerüstet sein? Um diese und weitere Fragen zu beantworten und Interessierten einen Einblick in den Ablauf einer Evaluation zu geben, hat das Projektteam am Beispiel des neuen Kampfflugzeugs ein Erklärvideo erstellt. Darko Savic, Projektleiter «Neues Kampfflugzeug» erklärt dazu im Interview worauf während des Evaluationsprozesses besonderer Wert gelegt wird.

Luftfahrtsysteme, Programm Air2030

Darko Savic steht auf der Treppe und hält die Hand am Treppengeländer. Im Hintergrund sieht man das Treppenhaus vom Gebäude B im VZ G1.
Darko Savic, Projektleiter «Neues Kampfflugzeug»

Evaluationsprozess am Beispiel der Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges

Die Evaluation von militärischen Systemen ist komplex. Nach welcher Methodik wird gearbeitet, welche Tools kommen zum Einsatz, welche Schnittstellen gilt es zu beachten oder für welche Eventualitäten muss man gerüstet sein? Das Erklärvideo liefert am Beispiel zur Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs einen Einblick in den Ablauf einer Evaluation.

Darko Savic, wie kommunizieren Sie mit den Kandidaten?

Im Vorfeld der Evaluation haben wir uns überlegt, wie wir die Zusammenarbeit mit den Kandidaten zielgerichtet umsetzen wollen. Letztlich geht es ja darum, dass wir ihnen vermitteln können, was wir genau von ihnen wollen. Dazu soll die Art der Kommunikation klar und diszipliniert ablaufen; administrative Leerläufe sollen wo immer möglich minimiert werden. Zudem legen wir besonderen Wert darauf, alle Kandidaten gleich zu behandeln und somit bei allen Gesprächen identische Traktanden und Gesprächsabläufe anzuwenden. Konkret haben wir mit den Kandidaten so gut wie keine E-Mails ausgetauscht. Weiter kommuniziert ausschliesslich das Projektoffice mit den Kandidaten, was die einzelnen Teilprojektleiter entlastet. Anstelle von E-Mails arbeiten wir mit den Kandidaten auf einem SharePoint zusammen. Die Zusammenarbeit basiert auf klaren Regeln, welche wir ihnen mit der Offertanfrage übermittelt haben. Dabei haben die Anbieter zum Beispiel die Möglichkeit, uns nach einem definierten Prozess Fragen zur Offertanfrage zu stellen. Antworten, welche alle Kandidaten betreffen, werden mit allen Anbietern geteilt.

Aufgrund der klaren Kommunikationsabläufe können wir auch Besprechungen mit den Kandidaten auf das Notwendigste beziehungsweise auf rund vier Projektbesprechungen pro Jahr beschränken, was beiderseits den Aufwands reduziert. Denn die Erfahrung zeigt, dass unklare Vorgaben und Prozesse unweigerlich zu einer Erhöhung der Anzahl Besprechungen führen.

Wie wir im Video gesehen haben, werden die Kandidaten erst am Ende des Evaluationsprozesses miteinander verglichen, weshalb ist das so?

Die Evaluationsmethodik ist grundsätzlich so angelegt, dass ein Vergleich der Kandidaten erst dann möglich ist, wenn wir über solide und abschliessende Daten verfügen.
Im Erklärvideo ist ersichtlich, dass es zwei Offert-Runden gibt. Erst mit den Informationen aus der zweiten Offerte kann unsere Berichterstattung für den einzelnen Kandidaten abgeschlossen werden. Auf Basis dieser Berichterstattung werden die Kandidaten nutzenseitig miteinander verglichen. Darauf folgt die Gegenüberstellung von Gesamtnutzen und Gesamtkosten im Evaluationsbericht. Erst damit, also am Ende des Evaluationsprozesses, ist ein umfassender Vergleich zwischen den Kandidaten möglich.

Wie werden die Kandidaten miteinander verglichen?

Wir fassen die Erkenntnisse aus den Offerten und aus den Erprobungsaktivitäten in Zusammenarbeit mit den involvierten VBS-Stellen aus Armeestab, Luftwaffe, Logistikbasis der Armee und der Führungsunterstützungsbasis der Armee in sogenannten Fachberichten für jeden Kandidaten separat zusammen. Diese Fachberichte bilden die Grundlage für den Vergleich der Kandidaten.
Kurz zusammengefasst kann man sich zur Vereinfachung und als hypothetisches Beispiel vorstellen, dass auf der Nutzenseite insgesamt 1'000 Punkte an die Kandidaten verteilt werden können. Einem Fachthema, zum Beispiel der Wartungsfreundlichkeit, werden von diesen 1'000 Punkten eine bestimmte Anzahl Punkte zugewiesen. Beim Vergleich der Kandidaten geht es nun darum, diese Punkte auf die Kandidaten aufzuteilen. Der aus Sicht der Schweiz beste Kandidat in diesem Bereich gewinnt am meisten Punkte, der zweitbeste am zweitmeisten Punkte und so weiter. So gibt es verschiede Fachthemen, aus denen wir den Kandidaten jeweils Punkte verteilen. Jedem Fachthema wiederum widmen sich verschiedene Fachspezialisten.

Was sind die bisherigen Erkenntnisse aus dem Evaluationsprozess NKF – was würden sie angehenden Projektleitenden mit auf den Weg geben wollen?

Wir haben im Vorfeld der Evaluation viel Zeit in die Entwicklung unserer Evaluationsmethodik investiert. Dazu haben wir die Erkenntnisse und Lehren aus vergangenen Evaluationen berücksichtigt, aber auch «über den Tellerrand hinausgeschaut». Dabei hat uns interessiert, wie andere Beschaffungsbehörden bei der Evaluation von komplexen Systemen arbeiten. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse haben wir unsere Evaluationsmethodik weiterentwickelt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sie robust und konsistent ist.
Es ist zwingend, dass man sich im Vorfeld des Projektes im Klaren darüber ist, wie das Projekt abgewickelt werden soll. Damit erspart man sich später einen Haufen Ärger und viel Zeit.

Wie setzt sich das Projektteam zusammen?

Die Evaluationsmethodik kann noch so ausgeklügelt sein, der Projekterfolg steht und fällt mit den Projektmitarbeitenden. Ich darf mich auf ein erfahrenes Team verlassen. Auch wenn die Aufzählung nicht abschliessend ist, scheint es mir wichtig, aufzuzeigen, welche Funktionsträgerinnen und -träger in einem Projekt dieser Komplexität miteinander interagieren.
Es beginnt bei den Armeeplanern und den Partnern aus der Verteidigung, welche die Anforderungen an das System definieren und die armasuisse mit der Umsetzung des Projektes beauftragen und auch unterstützen. Bei der Umsetzung arbeiten Mitarbeitende aus unterschiedlichen Organisationseinheiten und Berufsgattungen mit. Ingenieure, welche die Systeme aus ihrer fachtechnischen Perspektive analysieren und später darum besorgt sind, diese in die bestehende Systemlandschaft zu integrieren. Ingenieure aus dem Bereich des Lebenswegmanagements und des Produktesupports, die mit ihren Methoden die Unterstützung der Systeme während den nächsten 30 bis 40 Jahren im Auge behalten müssen. Testpiloten und Flugversuchsingenieure, welche die Flugzeuge auf Herz und Nieren testen. Qualitätsverantwortliche, welche sich um die Abnahme kümmern und später dabei helfen, die Systeme für den sicheren Betrieb zuzulassen. Kommerzverantwortliche und Betriebsökonomen, die in Zusammenarbeit mit Juristen sicherstellen, dass kaufmännische Prozesse eingehalten werden und Verträge zum Abschluss kommen. Kommunikationsfachleute, welche das Projekt von kommunikativen Aufgaben entlasten. Fachspezialisten der EMPA, die während den Erprobungen Lärmmessungen durchführen. Juristen, welche die Waffensysteme aus völkerrechtlicher Sicht beurteilen und für den Einsatz freigeben. Spezialisten aus dem Bereich Frequenzmanagement, die sicherstellen, dass sich die Systeme nicht negativ auf die Frequenzlandschaft der Schweiz auswirken. Das Projektoffice, das die Projektleitung und das gesamte Projektteam in Projektmanagementaufgaben unterstützt und so einen reibungslosen Betrieb des «Unternehmens NKF» sicherstellt. Die Aufzählung liesse sich beliebig weiterführen und soll exemplarisch aufzeigen, dass viele Akteure beteiligt sind und so einen wichtigen Beitrag an den Projekterfolg liefern.

Warum dauert die Evaluation so lange?

Das Erklärvideo soll zeigen, welche Schritte notwendig sind, um eine umfassende Evaluation eines hochtechnologischen Systems durchzuführen. Von der Eingabe der ersten Offertanfrage bis zur Erstellung des Evaluationsberichtes vergehen im Fall des Neuen Kampfflugzeugs knapp drei Jahre. Eine Phase, in der nebst den zwei Offert-Runden auch eine Erprobungsphase integriert ist. Mit dieser haben wir die Flugzeuge im operationellen Umfeld in der Schweiz erprobt, womit wir auch die Angaben der Kandidaten validieren konnten.
Natürlich gewinnt man im Verlauf dieses Prozesses auch gute Kenntnisse über die jeweiligen Flugzeuge, was aus Schweizer Sicht ein Vorteil bei den Verhandlungen ist.
Nicht zuletzt handelt es sich hier auch um eine strategische und kostenintensive Beschaffung, die mit der nötigen Seriosität bearbeitet werden muss. Schliesslich wollen wir die Systeme 30 bis 40 Jahre operationell einsetzen und sicher sein, dass wir alles berücksichtigt haben. Umgekehrt müssen die Kandidaten unsere Offertanfrage, die rund 600 Seiten umfasst, analysieren, Antworten erstellen, geschäftsinterne Freigabeprozesse einhalten und dergleichen mehr. Das braucht Zeit.

Im Erklärvideo wird vom eigens entwickelten, in sich geschlossenen Datencenter gesprochen. Warum braucht es dieses und wie funktioniert es?

Es geht uns in erster Linie um den Informationsschutz, der für uns aus drei Gründen von essenzieller Bedeutung ist:
Erstens benötigen wir von den Kandidaten klassifizierte Informationen, um überhaupt eine fundierte Evaluation durchführen zu können. Damit verpflichten wir uns, die militärisch sensitiven Informationen entsprechend zu schützen. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Kampfflugzeuge der jeweiligen Kandidaten wichtige Elemente der Verteidigung der Herstellerländer sind. Die Preisgabe von schützenswerten Informationen könnte darum grossen Schaden anrichten. Es handelt sich somit um ein Vertrauensverhältnis zwischen dem VBS – sogar der Schweiz – und den Anbietern beziehungsweise den Herstellerländern. Indiskretionen könnten die aussenpolitischen Interessen oder die internationalen Beziehungen der Schweiz beeinträchtigen.
Zweitens geht es auch darum, aus industrieller und kommerzieller Sicht zu verhindern, dass Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnisse der Anbieter offenbart werden.
Drittens könnte das Projekt aufgrund eines ungewollten Informationsabflusses Schaden nehmen. Damit könnte beispielsweise der geordnete Evaluationsablauf gestört und das Vertrauen in die Projektorganisation untergraben werden.
Um den Informationsschutz sicherzustellen, setzen wir ein in sich geschlossenes Datencenter ohne Netzzugang ein. Zudem arbeiten wir nach dem Prinzip «Kenntnis nur, wenn nötig». Das Datencenter ermöglicht eine klare Zuteilung von Zugangsrechten. Damit soll sichergestellt werden, dass die jeweiligen Fachspezialisten ausschliesslich jene Informationen der Offerte sehen, die für deren Aufgabenerfüllung notwendig sind. Zudem haben die Fachspezialisten, welche die Kandidaten aus ihrer fachtechnischen Optik beurteilen, keinen Einblick in die Kostenstruktur.

Kurzporträt

Darko Savic (42) ist diplomierter Ingenieur FH in Maschinentechnik, hat ein MAS FH in Projektmanagement abgeschlossen und ist IPMA Level B zertifiziert. Nach Stationen als Mechaniker, Konstrukteur, Systemingenieur und Projektleiter in Schweizer Luftfahrtunternehmen ist er 2009 in die armasuisse eingetreten. Von 2009 – 2014 arbeitete er in der Funktion als Teilprojektleiter Produktesupport im Projekt Tiger-Teilersatz mit. Daneben führte er Projekte im Bereich F-5 sowie im Bereich der Piloten-und Fallschirmaufklärerausrüstung. Von 2014 bis 2017 führte er in der Funktion als Projektleiter die Nutzungsdauerverlängerung der F/A-18. Seit 2018 ist er Leiter des Projekts «Neues Kampfflugzeug».