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«Der Kommunikation kann man gar nicht zu viel Wert beimessen»

Wie geht es weiter im Evaluationsprozess für ein neues Kampfflugzeug und ein bodengestütztes Luftverteidigungssystem grösserer Reichweite? Welche Herausforderungen sind noch zu erwarten? Als Auftakt in die Air2030-Serie steht uns Peter Winter, Leiter des Kompetenzbereiches Luftfahrtsysteme und Leiter des Programms Air2030, im Interview Red und Antwort.

Luftfahrtsysteme, Programm Air2030

Bild von Peter Winter
Peter Winter, Leiter des Kompetenzbereiches Luftfahrtsysteme und Leiter des Programms Air2030.

Peter Winter, nebst der Leitung Ihres Kompetenzbereiches leiten Sie seit 2017 auch das Programm Air2030. Welche besonderen Fähigkeiten sind für diese Funktion gefordert?

Das Programm Air2030 umfasst vier Grossprojekte und mehrere Teilprojekte. Deshalb ist Führungs- und Koordinationsgeschick von Bedeutung. Denn nebst der Führung der Projektleitenden muss auch das gesamte Netzwerk abgeholt werden. Um die fachgerechte Unterstützung des Programms Air2030 zu gewährleisten, wurde ein Netzwerk von mehreren Boards zu verschiedenen Querschnitts-Bereichen wie beispielsweise die Ausbildung, das Training und die Simulation oder die Infrastruktur aufgestellt. Zudem bestehen auch mehrere Reporting-Gefässe, wie beispielsweise der Programmausschuss, die laufend informiert sein müssen. Deshalb benötigt es hier sicherlich ein hohes Mass an Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen. Auch finde ich es essentiell, gradlinig zu bleiben, um den roten Faden nicht zu verlieren. Ich bevorzuge ein pragmatisches Vorgehen – denn vor lauter Bäumen, sieht man ansonsten schnell den Wald nicht mehr.

Als eine weitere zentrale Aufgabe erachte ich die Teamführung. Dabei versuche ich den Mitarbeitenden günstige Voraussetzungen für die Projektarbeit zu schaffen und möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit sie ihre Aufgaben effektiv und effizient erfüllen können und wir so gemeinsam die Ziele erreichen. Ich darf mit Stolz sagen, dass ich ein tolles Team hinter mir habe, welches sich mit seinem hohen Fachwissen einbringt. Nur deshalb sind wir überhaupt dahin gekommen, wo wir jetzt stehen.

Kurz gesagt sind alle Facetten des Projektmanagements gefragt. Dazu gehört selbstverständlich auch ein durchdachtes Stakeholder-Management. Für das Gelingen der Projekte ist es zentral, dass alle identifizierten Interessensgruppen bedürfnisgerecht und regelmässig über die Fortschritte und die möglichen Stolpersteine des Programms informiert werden. Ferner gehört es auch dazu, dass die aufgestellten Verhaltensrichtlinien, zum Beispiel hinsichtlich Compliance und Korruptionsprävention, eingehalten werden. Eine offene und transparente Kommunikation ist also das A und O.


Nach der gewonnenen Abstimmung geht es nun Schlag auf Schlag weiter im Evaluationsprozess. Was steht als nächstes auf dem Programmplan?

Wir erwarten am 18. November 2020 die Offerten der vier NKF- und zwei Bodluv-Kandidaten. Danach ermitteln die Projektteams mittels den Informationen aus der zweiten Offerte und den Erkenntnissen aus den verschiedenen Erprobungsaktivitäten den Gesamtnutzen jedes Systems, fassen die Resultate und die Risikoanalyse in den Evaluationsberichten zusammen und unterbreiten diese der Chefin VBS. Den Typenentscheid soll der Bundesrat im 2. Quartal 2021 treffen.

Wie sieht die Situation aus, falls sich ein Kandidat dazu entscheidet keine Offerte einzureichen?

Alle sechs Kandidaten haben die zweite Offertanfrage im Januar dieses Jahres erhalten. Seither sind wir laufend in einem regen Austausch mit den Kandidaten und den jeweiligen Regierungsstellen. Alle eingetroffenen Fragen haben wir stets offen und transparent beantwortet. Es würde mich sehr überraschen, wenn sich ein Kandidat so kurz vor dem Abgabetermin dazu entscheiden würde, keine Offerte einzureichen. Wir haben keine Anzeichen dafür, dass jemand aus dem Wettbewerb ausscheiden möchte – weder von den Herstellern noch von den Regierungsstellen. Auch die Verschiebung des Abgabetermins von August in den November aufgrund der aktuellen Covid-19-Situation haben alle Kandidaten geschätzt. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir am 18. November sechs Offerten erhalten werden.

Welche Herausforderungen stehen nun im nächsten Jahr an?

Die erste Herausforderung Anfang des Jahres stellt zweifellos das Erstellen des Evaluationsberichts dar. Dieser wird sämtliche Informationen enthalten, die in den knapp drei Jahren gesammelt und ausgewertet worden sind.

Im 2. Quartal 2021 liegt der Fokus auf der Unterstützung des politischen Prozesses, damit der Bundesrat die Typenwahl für NKF und Bodluv treffen kann. Bis Ende 2021 bereiten wir die Armeebotschaft 2022 inhaltlich – das heisst, mit den beiden ausgewählten Systemen – auf. Dies wiederum bedeutet auch, dass bis dahin die Verhandlungen abgeschlossen und die Verträge vorbereitet sein müssen.

Parallel dazu müssen wir weiterhin aufzeigen, dass der Evaluationsprozess offen, transparent und fair ist. Insbesondere nach dem die Typen ausgewählt wurden. Denn wo Sieger sind, da gibt es auch Verlierer. Den Kandidaten, die nicht berücksichtigt wurden, müssen wir dann erklären, weshalb ihr System nicht ausgewählt worden ist..

Welches sind ihre persönlichen lessons learned, die sie als Programmleiter gesammelt haben?

Punkt 1 ist das Team: ein Projekt, das erfolgreich sein will, braucht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die lösungsorientiert und motiviert arbeiten und eine hohe Fachkompetenz aufweisen. Auf genau diese Mitarbeitenden kann ich zählen, ich bin sehr zufrieden wie gut alles läuft.

Punkt 2: Kommunikation ist zentral. Wenn man es schafft, über alle Stufen hinweg einfach und verständlich zu kommunizieren, dann hat man schon sehr viel erreicht. Der Kommunikation kann man gar nicht zu viel Wert beimessen.

Kurzporträt

Peter Winter (53) ist Inhaber eines Executive Master of Business Administration (MBA) der Universität St. Gallen und ist diplomierter Elektroingenieur (FH). Er trat 1997 in die heutige armasuisse ein. Davor war Peter Winter als technischer Projektleiter für die Chemie in Basel tätig. Über verschiedene Projektleiterfunktionen in der Beschaffung von Flugmaterial sowie Führungssystemen war er auch Gesamtprojektleiter für das Grossprojekt Florako, das Luftraumüberwachungs- und Einsatzsystem der Luftwaffe. Peter Winter ist zertifizierter Projektleiter A der International Project Management Association (IPMA). 2009 übernahm er die Leitung des Kompetenzbereiches Luftfahrtsysteme bei armasuisse. Seit 2017 ist er zudem auch Leiter des Programms Air2030.