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Nicht-letale Waffen, Probleme und Herausforderungen

Nicht-letale Waffen wurden eigens als Durchsetzungsmittel für die Strafverfolgungsbehörden entwickelt. Reaktionsmöglichkeiten sollen schrittweise gestaffelt bei der Anwendung von Gewalt zur Verfügung stehen. Da die Definition von "nicht-letal" vage ist, sorgen nicht-letale Waffen häufig für Kontroversen. W+T gibt in diesem Artikel Antworten auf Kriterien und Testmethoden im Hinblick auf das Verletzungsrisiko.

28.11.2019 | Philippe Drapela, WTT

Ein Projektil "Bean Bag" steckt in ballistischer Seife
Ein Projektil "Bean Bag" steckt in ballistischer Seife

Unter bestimmten Umständen ist der Einsatz von Dienstwaffen durch Armeeangehörige gesetzlich nicht zulässig, weil die Verhältnismäßigkeit der Reaktion auf die Bedrohung unzureichend ist. Um die Lücke zwischen der niedrigsten Interventionsebene und der letalen Waffe zu schliessen wurde in den 1960er Jahren eine neue Kategorie geschaffen. Hiermit sollte eine schrittweise Skalierung des Einsatzes von Gewalt ermöglicht werden. Die einzelnen Bezeichnungen wie nicht-letale Waffen, Waffen mit reduzierter letaler Wirkung oder auch Betäubungswaffen sind immer noch umstritten. Abhängig von den Kulturen können die Sensibilität der Bevölkerung und der geopolitische Kontext, die Definition, das Engagement und die Wahrnehmung dieser Waffen stark variieren. Aus all diesen Gründen hat sich die NATO, deren Mitgliedsländer überwiegend nicht-letale Waffen verwenden, mit diesem Thema befasst und versucht nun die Situation mit folgender Definition zu klären:

Nicht-letale Waffen sind Waffen, die speziell dafür entwickelt wurden eine geringere Wahrscheinlichkeit von letaler Wirkung zu erzielen, bleibende Verletzungen zu vermeiden, die Ausrüstung mit einem Minimum an Einsatzkräften ausser Gefecht zu setzen oder unbeabsichtigte Beschädigung resp. negative Auswirkung auf die Umwelt zu verursachen. 

Diese Definition hat den Vorteil, dass sie existiert und von einer anerkannten, internationalen Organisation stammt, enthält jedoch weder genaue Kriterien noch Schwellenwerte, die eine wissenschaftliche Interpretation der erwarteten Auswirkungen ermöglichen würden. Um dem abzuhelfen, wurden unter der Schirmherrschaft internationaler Organisationen Arbeitsgruppen eingesetzt, die technische Richtlinien für den Test dieser Waffen herausgeben. Die Schweiz leistet durch armasuisse Wissenschaft und Technologie einen Beitrag zu diesen Bemühungen und trägt zum Erfolg bei. Die Komplexität der Aufgabe erfordert das Engagement von Experten aus ganz unterschiedlichen Welten. Ärzte, Physiker, Chemiker und Ingenieure bilden das Rückgrat dieser Gruppen. Während Schäden an Geräten relativ einfach zu bestimmen und zu testen sind, gilt dies nicht für den Umgang mit Menschen. In diesem Fall besteht die größte Herausforderung darin, die Wirkung, die ausreichend abschreckend sein muss, und die geringe Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Schädigung in Einklang zu bringen. In der Schweiz ist es undenkbar, dass Tests an Menschen (auch Freiwilligen) oder an Tieren durchzuführen. Nicht nur diese Tests sind aus ethischer Sicht verboten, sondern sie würden auch nicht die erwartete Antwort liefern, weil sie sich nicht wiederholen lassen. Um die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Beschädigung der kinetischen Projektile gering zu halten, werden unter anderem Referenzmaterialien wie Gelatine oder ballistische Seife zur Simulation von Weichgewebe und Polyurethan in Knochenform verwendet. Diese Materialien wurden weltweit mehrfach von forensischen Instituten validiert und können daher als Biofideles bezeichnet werden. Abhängig von den Beobachtungen, die an diesen Materialien gemacht wurden, ist es möglich, die Schwere der Verletzungen abzuschätzen. 

Zum Beispiel ist das Projektil "Bean Bag" mit einem Kaliber von 18 mm auf kurze Entfernung (5m) problematisch, weil es etwa 6cm in die Seife eintritt (vgl. Abbildung). In Wirklichkeit würde eine solche Verletzung eine Operation erfordern und über die zulässigen Grenzen hinausgehen. Ein auf 10 m abgefeuertes 40-mm-Projektil verursacht hingegen nur blaue Flecken und entspricht darum den Kriterien der der Nicht-Letalität.

Neben Referenzmaterialien werden zunehmend neuentwickelte, versuchstechnische und mit verschiedenen Sensoren bestückten Systeme in den internationalen, ballistischen Labors eingesetzt. Trotz all dieser Bemühungen muss aber bedacht werden, dass kein Null-Risiko besteht. Die Forderung, dass nicht-letale Waffen von den Einsatz- und Ordnungskräften mit Bedacht und Wissen eingesetzt werden müssen, ist darum gerechtfertigt.