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Internationaler Tag der Minenaufklärung

Der Fachbereich Explosivstoffe und Munitionsüberwachung vom Wissenschaft und Technologie im Einsatz bei der Bergung von Blindgängern. Interview mit Jörg Mathieu, Spezialist für Explosivstoffe bei armasuisse Wissenschaft und Technologie.

04.04.2017 | Kompetenzbereich Wissenschaft und Technologie

Unterwassermetalldetektor

Herr Mathieu, Sie arbeiten bei Wissenschaft und Technologie in Thun und haben unter anderem mit Blindgängern zu tun. Welches sind Ihre Aufgaben?

Ich arbeite im Fachbereich Explosivstoffe und Munitionsüberwachung in einem Team von 16 Personen. Unsere Hauptaufgaben sind die Überwachung aller Munitionsbestände in der Schweiz sowie Expertisen bezüglich Explosivstoffe in einer breiten Anwendungs-Palette. Zu meinem Aufgabengebiet gehört im Speziellen die Umwelt-Bearbeitung von Munitionsaltlasten sowie die fachliche Unterstützung der Kampfmittelbeseitigung Schweiz bei besonderen Projekten, insbesondere in Gewässern. Bei dieser Aufgabe hilft mir die berufliche Erfahrung auf dem Gebiet der Explosivstoffe und im Umgang mit Blindgängern seit 1983.

Mit welchen Blindgängern haben Sie denn zu tun?

Oftmals handelt es sich um Blindgänger in Gewässern von militärischen Übungsplätzen sowie Fundmunition und Blindgänger, welche durch Sammler oder Kriminelle in Flüssen und Seen entledigt werden. Aktuell waren wir Anfangs 2017 im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden Württemberg auch an der Suche und Bergung eines 5 m langen Lufttorpedos im Bodensee beteiligt.

In welchen Bereichen ist Ihre Expertise auch noch gefragt?

Bei der Umnutzung von ehemaligen Schiess- und Sprengplätzen ist unsere Expertise für die Detektion und die Risikoabschätzung bezüglich vorhandener Munitionsrückstände vermehrt gefragt. Zudem leiste ich Unterstützung und Beratung von schweizerischen Entschärferteams und Polizeikräften bei schwierigen Einsätzen im Zusammenhang mit Munition und Explosivstoffen.

Im Ausland bin ich z.B. in Serbien und Jordanien an Projekten des IBV betreffend Zustands-Analyse und sicherer Entsorgung von obsoleten Munitionsbeständen tätig.

Heute ist der Internationale Tag der Minenaufklärung. Wie tauschen Sie sich mit den Experten im Ausland aus? Oder anders gefragt: Wie bleiben Sie ausbildungstechnisch auf der Höhe?

Neben dem Besuch von fachspezifischen Tagungen ist für mich die Pflege von persönlichen Fachkontakten in der Schweiz und im Ausland ein idealer Weg, um mein Fachwissen laufend zu erweitern. Gleichzeitig lerne ich auch bei den regelmässigen Einsätzen im Ausland viel dazu.
 

Welches war Ihr speziellster Einsatz?

Als wir nach mehreren Monaten Vorbereitungszeit mit einem eigens konstruierten Greifer auf Anhieb aus dem Schlickgrund des Vierwaldstättersees in 210 m Wassertiefe eine 12 cm Minengranate mit Jahrgang 1926 bergen konnten. Die Hebung solcher Munitionsobjekte erfolgte im Rahmen der umfassenden Untersuchung der Munitionsversenkungen in Schweizer Seen zur Beurteilung des Korrosionszustands.
 

Wie läuft ein Einsatz ab?

In der Regel erfolgt die Anfrage für einen Einsatz über die Blindgängermeldezentrale ABC KAMIR oder durch Polizeikräfte. Je nach Ausgangslage muss dann in einem ersten Schritt eine Recherche bezüglich Geschichte und Identifikation/Gefahren der Munition oder Explosivstoffe durchgeführt werden und

Wie und wo finden Sie alle nötigen Informationen über die potenziellen Blindgänger?

In den VBS-eigenen technischen Dokumentationsdatenbanken sind alle relevanten Informationen zu den Munitionssorten der Schweizer Armee gesammelt. Für spezifische Details oder Angaben zu ausländischer Munition braucht es jedoch immer auch den Einbezug von anderen nationalen/internationalen Fachspezialisten.
 

Wie kommt man zu diesem Job?

Anstelle einer konventionelle Lehre kann für diesen Job das entsprechende Fachwissen nur von erfahrenen Spezialisten erlernt und durch möglichst viele praktische Einsätze ergänzt werden. Für mich selbst bildete mein Beruf Chemielaborant mit meinem Hobby Tauchen/Wracksuche sicher noch eine gute Kombination zum Einstieg in die aktuelle Tätigkeit .
 

Mit welchen technischen Hilfsmitteln arbeiten Sie?

Für die Suche von Munition und Blindgängern setzen wir zumeist moderne Detektionstechnologien wie z.B. einen Metalldetektor mit Navigationssystem für den Unterwassereinsatz an einem kabelgesteuerten Roboter ein. Daneben braucht es aber für viele Aufgaben auch immer wieder ganz einfache, «gebastelte» Speziallösungen wie z.B. eine einfache Einrichtung, um eine korrodierte Handgranate bereits unter Wasser gegen die Auslösung durch Manipulation zu sichern.
 

Schlafen Sie ruhig? Wie ist Ihr Ausgleich?

Meistens beschränkt sich meine Anspannung auf die Vorbereitungsphase von heiklen Einsätzen. Dabei gilt es, sich insbesondere für die Gefahren durch die Tauchbedingungen wie z.B. Strömung, Hindernisse oder schlechte Sicht einen Lösungsweg zurecht zu legen und zu verinnerlichen. Im Einsatz gibt es dann nur noch wenig «Stress». Als Ausgleich dazu geniesse ich dann in meiner Freizeit entspannte Tauchgänge in klaren Seen oder farbigen Meeren.